Volkstrauertag in Gernsheim am 13. November 2022


Ansprache von Herrn Bürgermeister Peter Burger zum Volkstrauertag am 13. November 2022

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Nachdem in den letzten beiden Jahren das Gedenken anlässlich des Volkstrauertags Corona-bedingt nur in sehr kleinem Rahmen stattfand, so können wir in diesem Jahr unsere Gedenkveranstaltung ohne eine Begrenzung der Teilnehmerzahl und in der gewohnten Praxis durchführen. Und doch ist in diesem Jahr vieles anders.

Viele von uns konnten oder wollten sich bis zum 24. Februar 2022 nicht vorstellen, dass eine Großmacht mitten in Europa einen annektionistischen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland führen würde – unter Verletzung der staatlichen Souveränität und der territorialen Integrität des Nachbarlandes. Wir konnten oder wollten uns nicht vorstellen, dass Millionen Menschen zur Flucht gezwungen oder mit Gewalt vertrieben werden. Es war unvorstellbar, dass ein Krieg mitten in Europa sich vor allem auch gegen die Zivilbevölkerung richten würde und dass ganz gezielt Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser bombardiert werden.

In seltener Einmütigkeit hat die westliche Welt reagiert und anerkannt, dass es das legitime Recht der Menschen in der Ukraine ist, ihre Heimat zu verteidigen. Und in der gleichen Einmütigkeit wird der Aggressor beim Namen genannt.

Beim Volkstrauertag erinnern wir uns der Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft. Und traditionell stand und steht das Gedenken der deutschen Geschichte im Mittelpunkt.

Doch wenn wir ehrlich miteinander umgehen, so mussten wir in den letzten Jahren oft feststellen, dass wir mit diesem Tag des Erinnerns nicht so wirklich durchdringen. Der letzte Krieg, der auf deutschem Boden geführt wurde, liegt lange zurück. Bei den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 12 die die Gedenkstunde mitgestalten, dürfte es eher schon die Generation der Urgroßeltern sein, die ein bewusstes Erinnern an den Zweiten Weltkrieg hat oder hatte. Bei mir waren es noch die Großmütter, die davon noch erzählen konnten.

Der Krieg scheint heute weit weg zu sein. Und als großes Glück dürfen wir es empfinden, wenn inzwischen drei Generationen aus eigenem Erleben nur den Frieden kennen. Warum also noch an Dinge erinnern, die so weit weg sind?

Nun, ich denke, wir alle kennen die Antwort auf diese rhetorische Frage.

Denn der Frieden ist nichts selbstverständliches, der einfach so kommt, der da ist und da bleibt. Der Frieden fängt in uns Menschen selber an.

Im Besonderen fängt der Frieden in uns selbst an, wenn wir in unseren Mitmenschen nicht mehr den Konkurrenten geschweige denn den Feind sehen, sondern den Menschen - wenn wir den Vater sehen oder die Mutter, die Ehefrau oder das Kind, Menschen, die leiden und Menschen, die Angst haben um sich oder um diejenigen, die ihnen lieb sind. Der Frieden fängt in uns selber an, wenn wir uns die Gabe erhalten, die ja vor allem uns Menschen zueigen sein sollte, nämlich den Schmerz, das Leid aber auch das Glück des anderen mitzufühlen. Und der Frieden fängt in uns selbst an, in unserer Bereitschaft Hass zu überwinden und in der Bereitschaft zu ehrlicher Versöhnung.

Eine ehrliche Versöhnung kann aber nicht mit Waffengewalt erzwungen werden. Eine ehrliche Versöhnung ist mithin das Gegenteil von einem falschen Frieden.

Wenn wir heute auf die Kriegsschauplätze in der Ukraine schauen und zu den Entscheidungsträgern - vor allem in Moskau, dann scheint der Weg zu ehrlicher Versöhnung noch ein sehr langer zu sein. Dieser Weg ist auch schwierig: Wunden, die einmal geschlagen sind, heilen nur langsam oder gar nicht mehr.

Ehrliche Versöhnung kann kaum gelingen, wenn mit einem militärischen Überfall Fakten geschaffen werden und dann auf der Grundlage dieser Gegebenheiten um Frieden verhandelt werden soll.

Und doch gibt es zu diesem Weg der Versöhnung keine Alternative, auch wenn der erste Schritt auf diesem Weg der schwerste sein mag. Hoffen und beten wir, dass die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft, in Russland, in der Ukraine und in der ganzen Welt zu ehrlicher Versöhnung fähig bleiben mit einer Hand, die die Aggression abwehrt und einer anderen Hand, die zum Frieden gereicht wird.

Die Botschaft des Volkstrauertags ist aktueller denn je. Bewahren auch wir uns deshalb auch in unserem Alltag unsere innere Friedfertigkeit, unser Mitfühlen und unsere Bereitschaft, den ersten Schritt zu tun zu ehrlicher Versöhnung.